Wieder und wider

#Zweifelsfälle

Wieder und wider

Gerade wollte ich mich in einem dramatischen Tagebucheintrag darüber auslassen, was so alles unwiederbringlich und unwiderruflich vorbei ist in meinem Leben, da fiel mir auf, dass das eine Wort mit ie, das andere nur mit i geschrieben wird. Dies brachte mich zum Nachdenken über wieder und wider, und die trüben Rückblicke hatten erst einmal Sendepause.

Nicht nur Schüler, die gerade Deutsch lernen, sondern auch Muttersprachler schreiben Worte wie Widerruf, widerspiegeln und Widerworte gelegentlich falsch, nämlich mit ie. Phonetik hilft hier nicht weiter, denn in beiden Fällen wird der Vokal in die Länge gezogen. In der Lautschrift sind die Wörter identisch: [ˈviːdɐ].

Was spiegelt sich hier mal wieder wider?

Die Unterscheidung lässt sich also nur mit Hilfe der Bedeutungsebene treffen. Eigentlich ist dies ganz einfach: Sowohl als Präfix wie als eigenständiges Wort bedeutet wieder soviel wie noch einmal, erneut. Das Wort wider steht für gegen, entgegengesetzt, contra.

Ich wiederhole:

Wieder bedeutet noch einmal, erneut.

Wider bedeutet gegen, entgegengesetzt, contra.

Ziemlich logisch und ziemlich leicht zu merken, meint man zunächst. In Wörtern wie Wiedervorlage, Wiedersehen oder Widerstand ist der Sinn ja auch eindeutig.

Wenn nur noch Pauken hilft

Schwieriger wird es da schon bei Wiedergabe, Widerschein oder Wiederkäuer. Wer nur halbwegs fantasie- und fabulierbegabt ist, dem werden bei all diesen Wörtern mögliche Herleitungen zu beiden Bedeutungsvarianten einfallen. So ist der Widerschein, der etwa durch Kerzenlicht erzeugt wird, ja nicht nur eine Reflexion, ein Entgegen-Scheinen, sondern auch ein Abbild, eine Spiegelung des Ausgangsobjektes, also eine Wiederholung:

Und, Herze, willst du ganz genesen,
sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
ist nur der eigene Widerschein.

(Fontane, Glaube an die Welt)

Wer sich mit Wiedergabetechnik in Bild und Ton auskennt, der weiß, dass die Bedeutungsgrenzen zwischen projizieren, zurückwerfen, wiedergeben und widerspiegeln fließend sind. Man findet diese Begriffe sogar nebeneinander im Synonymwörterbuch. Und was die Magenkontraktionen von Wiederkäuern betrifft … nur so viel: Manches spräche dafür, hier Widerkäuer zu schreiben.

Wie leicht kann man an solchen Stellen Fehler machen! Das heißt eben gar nicht, dass man den Unterschied von wieder und wider nicht kennt. Oft ist man einfach nur unsicher, welche der beiden Bedeutungen in einem bestimmten Zusammenhang besser passt. Leider gibt es in diesen Fällen keine logischen Erklärungen oder hilfreichen Eselsbrücken. Man muss die Schreibweisen solcher Zweifelsfälle einfach pauken, büffeln, auswendig lernen. Widerspruchslos. Wieder und wieder. Auch das vertreibt traurige Gedanken.

Bildquelle: Jan Vašek|pixabay