Einfach genial ... oder?

#Arbeit

Einfach genial … oder?

Nachdem im letzten Beitrag ein Loblied auf regelmäßiges Lesen gesungen wurde, folgt heute der Rat, auch beim Schreiben auf Kontinuität und Beharrlichkeit zu setzen.

Möglicherweise entlockt Ihnen dieser Tipp nur ein müdes Gähnen, weil Sie glauben, man müsse mit angeborenem Talent gesegnet sein oder zumindest hin und wieder von einer, wenn nicht gar DER Muse geküsst werden, um gute Texte zu verfassen.

Geniekult im Sturm und Drang

Der Geniekult des 18. und 19. Jahrhunderts hat viel dazu beigetragen, dass sich diese Vorstellung bis heute vor allem in Deutschland beharrlich hält. Dichter des Sturm und Drang wie der junge Goethe, Herder oder Wilhelm Heinse glaubten an die Existenz des „Genies“: eines Künstlers, der seine Ideen einzig und allein aus dem eigenen Inneren hebt. Eines außergewöhnlichen Individuums, grenzenlos schöpferisch und vollkommen frei in der Gestaltung seiner Werke, nur dem eigenen Gefühl verpflichtet. Johann Georg Hamann (1730–1788) erklärte gar Wahnsinn und Besessenheit zu charakteristischen Kennzeichen des Genies.

William Shakespeare Genialität

Wie anders die Einschätzung des französischen Schriftstellers Joseph Joubert (1754–1824), der erkannte: „Le génie commence les beaux ouvrages, mais le travail les achève.“ Das Genie beginne zwar schöne Werke, aber erst die Arbeit vollende sie – eine solche Einschätzung kommt dem Entstehungsprozess eines guten Textes wesentlich näher.

Schreiben als Arbeit begreifen

Das Bild des Schriftstellers als aufgeklärtem Intellektuellen, der sich auf die Vernunft beruft und nicht nur das Recht, sondern sogar die Verpflichtung hat, sich auch zu politischen Fragen zu positionieren, ist in Frankreich fest verankert. Ein solches Bild trägt eher dazu bei, Schreiben als Arbeit zu begreifen und damit als etwas, das erlernt, entwickelt und verbessert werden kann.

Schreibcoaching und Seminare

Auch im angelsächsischen Raum geht man nüchterner mit der Profession des Schreibens um. Die Vorstellung, jeder Mensch könne mit bestimmten Methoden gutes Schreiben erlernen, wurde in den USA geboren. Hier gründete man bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts Institute, an denen interessierte Laien praktische Schreiberfahrungen machen konnten. „Creative Writing“ nannte man das, und unter diesem Begriff traten entsprechende Seminare und Schulungen ihren Siegeszug auch nach Europa an.

Glücklicherweise – denn so konnte sich selbst in Deutschland neben der nach wie vor existierenden Idee des „Originalgenies“ allmählich die Auffassung durchsetzen, dass gutes Schreiben nicht nur auf Begabung und Leidenschaft, sondern auch auf handwerklichem Können beruhe. Und das will nun einmal gelernt sein! Zahlreiche Veranstaltungen, aber auch Publikationen zum Thema „Kreatives Schreiben“ zeugen von der wachsenden Zahl derer, die ihr Talent mit regelmäßiger Übung und Arbeit kultivieren wollen.

„Der Mensch ist verloren, der sich früh für ein Genie hält“, war Georg Christoph Lichtenbergs (1742–1799) Meinung zur ausufernden Genie-Manie seiner Zeit. Dies gilt nicht nur für den Menschen im Allgemeinen, sondern für den schreibenden Menschen im ganz Besonderen. Was Sie nicht daran hindern soll, das ein oder andere Ergebnis Ihrer fleißigen Bemühungen schlicht und einfach GENIAL zu finden.

Bildquellen: Shakespeare-Denkmal von Otto Lessing im Park an der Ilm, Weimar|©Peter Engelmann, Slider: StartupStockPhotos|pixabay