Guten Tag und beste Grüße

#Grußformeln

Guten Tag und beste Grüße

„Guten Tag Susanne Niemuth-Engelmann“ lautet die Anrede in einer E-Mail, die ich vor Kurzem von einem Kundenservicecenter erhielt.

Genauer: von einem "KUNDEN Service-Center", wie diese nur bedingt serviceorientierte Einrichtung sich selbst nennt. Keineswegs möchte ich diesen Post missbrauchen, um meinen Ärger über folgenden Satz auszutoben: „Den Gutschein-Einlösung-Bedigungen können Sie entnehmen, ab welcher Summe ist der Gutschein einlösbar.“ Womöglich ließe sich sonst noch daraus ableiten, ich sei zu dämlich für Gutschein-Einlösung-Bedigungen. 

Es soll heute vielmehr darum gehen, dass und warum die oben zitierte Anrede nicht nur in einem Brief, sondern auch in einer E-Mail falsch ist, und sei diese noch so unpersönlich und von einem KUNDEN Service-Center Bot erstellt.

You’ve Got Mail

Natürlich haben E-Mails unsere Korrespondenz revolutioniert. Immer weniger Menschen verschicken privat noch Briefe per Post. Eine Geschäftswelt ohne E-Mails ist undenkbar. E-Mails sind effizient: Schneller geschrieben als Briefe, sind sie außerdem ressourcenschonend, sparen Büromaterial und Porto. Und sie haben den Vorteil, dass der Empfänger sofort reagieren kann. Manchmal entsteht so ein reger Austausch, ein kommunikatives Hin und Her, fast in Echtzeit.

Natürlich muss man in einem solchen Strang nicht jedes Mal erneut die Anrede an den Anfang und die Grußformel an den Schluss setzen. Das wirkt verkrampft und altmodisch. Andererseits ist die geschäftliche E-Mail-Korrespondenz aber auch kein Chat. Eine wichtige Regel im E-Mail-Verkehr lautet: Halten Sie sich grundsätzlich an die Höflichkeitsregeln, die Sie auch im Briefverkehr beachten. Eine E-Mail ist schließlich kaum etwas anderes als ein Brief. Ob dieser per Post oder auf elektronischem Weg versendet wird, ist zweitrangig. Im Zweifelsfall ist es allemal besser, höflicher zu sein, als es die E-Mail erfordert, als unhöflicher, als es die E-Mail erlaubt.

Anrede in der E-Mail

Eine Anrede, die nur den Namen des Ansprechpartners nennt, ohne diesem ein „Herr“ oder „Frau“ voranzustellen, ist auch in einer E-Mail sehr unhöflich. Die einzige Ausnahme davon ist die Grußformel „Lieber Giovanni di Lorenzo“, wie sie manchmal im professionellen Kontext, etwa unter Wissenschaftlerinnen, Journalisten, Verlegern und Autorinnen verwendet wird. Sie drückt oft einen gewissen Stolz darüber aus, mit dem oder der so Angeredeten, meist einer Person des öffentlichen Lebens, persönlich bekannt zu sein, und wahrt dabei zugleich besonderen Respekt. Sie ist ein wenig privater als „Herr …“ oder „Frau …“ und dennoch nicht plump vertraulich. Der Umgang mit solchen Finessen erfordert Fingerspitzengefühl. Hier muss man den Fehler vermeiden, beide Anredeformen zusammenzuwerfen, also „Lieber Herr Giovanni di Lorenzo“ zu schreiben. Dann besser „Lieber Herr di Lorenzo“, ohne Raffinement, aber korrekt.

Gelungener Ausstieg

In meinem erwähnten Fall von Kundenservice gab es keine Schlussformel. Natürlich hat ein solcher korrespondenzlicher Sittenverfall technische Hintergründe. Dennoch ist es unschön, wenn die automatisierte Antwort auf eine Kundenanfrage nicht auch eine Abschiedsformel enthält. Im Mailverkehr ist hier „Mit freundlichen Grüßen“ ebenso angebracht wie "Viele Grüße" oder „Herzliche Grüße“, wenn man den Adressaten bereits persönlich kennengelernt hat und/oder häufig E-Mails mit ihm wechselt. „Liebe Grüße“ sollte sich auf den privaten Mailverkehr beschränken, es sei denn, man ist mit den angeschriebenen Personen wirklich auch freundschaftlich verbunden.

Bedeutungswandel

Früher rollten sich mir die Fußnägel auf, wenn ich „Beste Grüße“ las. Beste Grüße waren für mich mit einer vertreterhaften Attitüde à la Stromberg assoziiert, ähnlich wie „MfG“ oder „Mahlzeit“. Vielen Kolleginnen ging es ähnlich, und ich habe einige Äußerungen zu dem Thema verfolgt (https://mariakoehler.com/beste-gruesse-wie-gruselig/). Die Gewohnheit und der gängige Gebrauch indes haben meine Einschätzung verändert. „Beste Grüße“ wurden mir inzwischen von so vielen geschätzten Kolleginnen, Auftraggebern, Redakteuren und Fotografinnen gesendet, dass diese Abschlussformel ihre Konnotation in meiner persönlichen Wahrnehmung gewandelt hat. Heute findet sie ihren Platz ungefähr zwischen „Mit freundlichen Grüßen“ und „Herzliche Grüße“. (Zum Beispiel, wenn man seine Ansprechpartner nicht bei jeder Gelegenheit mit liebevoller Herzlichkeit überschütten möchte. Ironie aus.)

Tatsächlich wäre es mir lieber gewesen, der Kundenservice hätte wenigstens „MfG – Ihr KUNDEN Service-Center“ geschrieben, als den oben erwähnten, unendlich doofen Hinweis ohne jeden verbindlichen Ausklang zu versenden. Vielleicht habe ich aber auch nur den genialen Twist in dieser Antwort übersehen. Vielleicht beantwortet Yoda höchstpersönlich die Anfragen an dieses Unternehmen. In diesem Fall wäre ich sehr unsicher, ob „Sehr geehrter Herr Yoda“, „Lieber Yoda“ oder „Sehr verehrter Herr Yedi-Meister Yoda“ die korrekte Anrede wäre. Und unter uns: In Wahrheit bin ich einfach nur sauer, weil einlösbar nicht mehr der Gutschein ist.

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