Die Zeit vergeht so schnell …

#Zauberberg

Die Zeit vergeht so schnell …

Warum es sich lohnt, Thomas Mann zu lesen

Heute Mittag bekam ich einen gehörigen Schreck. Es passierte, als ich beiläufig meinen Mann fragte, ob er in den Briefkasten gesehen hätte. Ebenso beiläufig fügte ich hinzu: „Ich hab ja schon heute Morgen nachgeguckt, aber da war nur der Kreisbote [unser örtliches Käse- und Anzeigenblättchen, Anm. d. Red.] drin, der liegt auf dem Küchentisch.“ Der Angesprochene sah mich verwundert an. „Das war doch gestern“, sagte er, „gestern war der Kreisbote im Kasten.“ Ich war alarmiert. So kann es enden, wenn der Besuch im Supermarkt auf der anderen Seeseite zum Highlight der Woche geworden ist.

Wer ist eigentlich dieser Settembrini?

Der Settembrini in mir war aufgewacht und lief zu Hochform auf. Falls Sie Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ (1924) nicht gelesen haben sollten: Es handelt sich bei Lodovico Settembrini um den Patienten einer Schweizer Kurklinik. Der Aufenthalt in derselben ist für die großbürgerlichen und adeligen Sanatoriumsgäste so einlullend, dass sie ihr Zeitgefühl verlieren und irgendwann kein Bedürfnis mehr verspüren, nach Hause in ihren Alltag zurückzukehren. Politik interessiert sie nicht, obwohl man sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs befindet und „im Tal“ beunruhigende Entwicklungen vor sich gehen. Settembrini als einziger warnt vor dieser Blindheit. Persönlich tut er alles, um seine Tage weiterhin sinnvoll zu strukturieren. Er liest alle Zeitungen, die er bekommen kann, diskutiert mit anderen Gästen, korrespondiert mit Kollegen, arbeitet an einer Enzyklopädie und hält auch sonst, obwohl er schwer krank ist, an den Gewohnheiten seines Lebens als gesunder Mann fest – inklusive eleganter Umgangsformen, Flirts und launiger Konversation. Dabei versucht er, pädagogisch auf die Hauptfigur Hans Castorp einzuwirken, leider kaum mit Erfolg.

Die Wahrheit liegt in der Mitte

Keineswegs gehört dieser Humanist und Aufklärer zu den ausgesprochenen Lieblingsfiguren seines Schöpfers. Ebenso wie Settembrinis Gegenspieler Naphta, Verfechter einer schwermütig-fatalistischen Leidensideologie, stellt auch er im Zauberberg-Kosmos nur einen Vertreter zweier entgegengesetzter Pole dar. Settembrini, so zeigt Thomas Mann, hat nicht genug Kontakt zu seinem Herzen, nicht genug Mitgefühl mit der leidenden Menschheit. Seine Antworten liegen immer nur im Verstand, in der Sprache, an heiter-apollinischer Oberfläche. Er glaubt, mit Lehre, Forschung, Wissenschaft und technischem Fortschritt alle Menschheitsprobleme lösen zu können. Einfach gesagt: Ihm fehlt die Liebe.

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Gleichwohl ist Settembrini eine meiner literarischen Lieblingsfiguren, so überzeichnet und anstrengend er daherkommen mag, mit seinem gedrehten Schnurrbart und dem zerschlissenen großkarierten Anzug (rein optisch ein bisschen wie Borat), ein Outfit, dem man ansieht, dass es schon bessere Tage kannte. Er ist es, der den in vielerlei Hinsicht mittelmäßigen Hans Castorp davor warnt, dem trägen Zauber des Berges zu erliegen.

Verändertes Zeitgefühl

Die Angst vor dem Verlust des Zeitgefühls während der Pandemie ist ein Luxusproblem, das weiß ich sehr gut. Meine Freundin „im Tal“ ist Grundschullehrerin, fährt jeden Tag mit der Bahn in ihre Schule, unterrichtet mal die eine, mal die andere Hälfte der Klasse und muss parallel für jene Schüler, die gerade nicht anwesend sind, ein Homeschooling-Programm erarbeiten. Das geschieht meist am Wochenende, und ich bin sicher, sie weiß zu jedem Zeitpunkt, welchen Wochentag wir gerade haben und wie spät es ist. Ihr und allen Leserinnen und Lesern gegenüber, die in Krankenhäusern, in der Pflege, in Supermärkten, Kitas, Schulen und vielen anderen Einrichtungen schier Übermenschliches leisten, möchte ich schon im Vorfeld Abbitte leisten. Ich spreche hier vor allem jene an, die bereits vor der Pandemie im Home Office gearbeitet haben und für die sich im Tagesgeschäft auf den ersten Blick nicht viel verändert hat. Naturgemäß habe ich viele solcher Kontakte, und da höre ich immer wieder: „Die Zeit vergeht so schnell“, „Bald ist schon wieder Ostern, dabei kommt es mir so vor, als hätten wir gerade erst Weihnachten gefeiert“, „Schon wieder Freitag, das gibt es doch gar nicht.“ Genau das passiert, wenn das Leben arm an äußerer Abwechslung ist. Eine ruhige, gleichförmige Zeitspanne, in der wir uns manchmal langweilen oder die wir mit einsamen Beschäftigungen wie Lesen, Musik hören, Trinken oder Binge Watching füllen, erscheint rückblickend immer verkürzt. Ein Zeitraum voller Abwechslung, Reisen, neuer Eindrücke und Kontakte vergeht im Moment des Erlebens leider meist viel zu schnell, wird in der Erinnerung aber gedehnt und kommt uns länger vor.

Strukturiert arbeiten

Settembrinis Prinzipien zu folgen, ist während ereignisarmer Zeiträume unbedingt empfehlenswert. Er arbeitet strukturiert und mit fester Zielsetzung. Ganz anders Hans Castorp, der zwar häufig auf dem Balkon seines Sanatoriumszimmers eigenartigen Gedanken nachhängt, sich dabei aber unkonzentriert mal diesem, mal jenem Thema widmet, in wissenschaftlichen Fachgebieten, die nicht die seinen sind, herumwildert, ohne wirklich etwas in der Tiefe zu verstehen, und zwischendurch immer wieder abschweift, um von seinem heimlichen Crush Clawdia Chauchat zu träumen. Eines Abends nimmt er sogar an einer spiritistischen Sitzung teil, bei der ihm zu seinem großen Entsetzen sein verstorbener Cousin erscheint. Settembrini hatte ihm selbstverständlich vom Besuch dieser Séance abgeraten.

Bitte „recherchieren“ Sie also besser nicht über Dualseelenzauber, das Maya-Horoskop oder die aufgestiegenen Meister des sechsten Strahls, falls es Ihnen im Home Office zu langweilig werden sollte. Nur allzu leicht gelangen Sie über solche Seiten haste nich gesehen bei KenFM oder dem Kopp Verlag, auch wenn Sie mit denen rein gar nichts am Hut haben. Lernen Sie lieber eine Sprache und schließen Sie das Ganze am besten mit einem Zertifikat ab. Mal hier, mal da ein paar Vokabeln mit Babbel zu lernen, ein italienisches Kochbuch, eine dänische Zeitschrift durchzublättern, ist nicht ganz schlecht, bringt aber auch nicht wirklich viel. Da spreche ich aus Erfahrung. (Beim Maya-Horoskop übrigens auch.)

Lohnende Lektüre

Wenn Sie mehr über Lodovico Settembrini und seine Lebensphilosophie erfahren möchten, könnten Sie sich doch endlich einmal dem „Zauberberg“ widmen.

Zugegeben, es ist ein Mammutwerk. Aber Sie müssen sich ja nicht vornehmen, es in einem Rutsch durchzulesen. Vielleicht fesselt es Sie unerwartet so sehr, dass dies auf einmal ganz von allein geschieht. Vielleicht finden Sie den Anfang aber auch eher langweilig. Oder Sie wollen schnell vorblättern zu den Seiten, in denen es um Clawdia Chauchat geht und die Frage: Kommt Hans Castorp ihr nun näher oder nicht? (Sie werden es erfahren, aber die Antwort ist für den Roman ziemlich unwesentlich.) Viele Meisterwerke der Weltliteratur lassen sich auch auf der Ebene von Unterhaltungsliteratur lesen, was den Einstieg wesentlich leichter macht. Wenn dann neben der Love Story noch ein paar andere Erkenntnisse mitgenommen werden: umso besser. Settembrini wäre es nur recht.

Was mich betrifft, ich werde mir jetzt die Jogginghose aus- und einen schicken Rock anziehen, mich mit FFP2-Maske wappnen und dem örtlichen Zeitschriftenladen einen Besuch abstatten. Dort werde ich mindestens drei Zeitungen, vier Magazine und zwei Bücher erwerben und exzessiv mit der Inhaberin über die aktuelle Impfstrategie diskutieren. In ihrem Laden gibt es übrigens auch jede Menge Kalender.

 

Bildquellen: NinoCarè|pixabay, bboellinger|pixabay