Die Kunst des Zuhörens

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Die Kunst des Zuhörens

Monika Hoffmann gibt in ihrem Ratgeber „Besser schreiben für Dummies“ einen hervorragenden Tipp, der zunächst scheinbar gar nichts mit dem Schreiben zu tun hat: „Schreiben wird auf einen Schlag um vieles leichter, wenn man zuhören kann.“

Wie bitte? Zuhören soll mir dabei helfen, bessere Texte zu schreiben? Wo ist denn hier der Zusammenhang? Um schreiben zu lernen, sollte ich doch vor allem schreiben, oder? Überhaupt: Warum soll ich anderen zuhören, wenn ich doch selbst so viel zu sagen habe und die Welt meine Erkenntnisse dringend braucht?

Wer sich an dieser Stelle ein wenig zurücknehmen kann, wird reich belohnt. Zuhören ist oft seliger denn quatschen, labern, sabbeln, palavern – und damit oft genug seinen Gesprächspartnern auf die Nerven gehen. Und schließlich: Einem guten und interessierten Zuhörer hören auch andere lieber zu, wenn er dann doch einmal selbst zu erzählen beginnt.

Lesen und Lauschen

„Lesen und Lauschen“ hieß eine Reihe von Lehrbüchern für das Unterrichtsfach Deutsch, mit denen in den 60er-Jahren an Grundschulen in Westdeutschland gearbeitet wurde. Auch wenn das lange her ist: Die Herausgeber werden sich, genau wie Monika Hoffmann, etwas dabei gedacht haben. Der Titel ist offenbar ins kollektive „Boomer“-Gedächtnis eingegangen, denn viele Literaturfans meiner Generation nutzen ihn in unterschiedlichen Varianten und Abwandlungen für ihre eigenen Blogs und Literaturseiten. Leider weckt er auch hässliche Assoziationen im Kontext von Cyberkriminalität: Das illegale Download-Portal „LuL.to“ ist mittlerweile vom Netz. Doch das nur am Rande – irgendetwas muss dran sein an dieser Wortreihe, das über den oberflächlichen Effekt der Alliteration (= gleicher Anfangslaut) hinausgeht.

Vorlesen und vorgelesen bekommen

Bei einem Lehrbuch für Grundschüler denkt man zuerst an die naheliegende Tatsache, dass Kinder mit diesem Buch nicht nur selbst Lesen lernen, sondern dass ihnen auch immer wieder daraus vorgelesen wird. Lesen und Lauschen bedeutet hier also: sowohl selbst lesen als auch vorgelesen bekommen. Beides greift ganz natürlich ineinander. Eltern, Großeltern, Lehrer oder Geschwister lesen laut aus einem Buch und blättern es dabei zusammen mit dem Kind durch. Zwischendurch unterbrechen sie ihr Vorlesen, deuten auf ein Bild, stellen Fragen dazu, kommentieren oder verweisen auf gemeinsame Erlebnisse. „Das ist eine Birke, die hat einen weißen Stamm. So eine steht im Garten von Tante Steffi, neben der roten Mauer, die kennst du doch.“ So gehen Buchstaben, Bild und Klang eine Allianz ein, die das Lernen leichter macht.

Gesprächspartner ernst nehmen

Wenn man allerdings zu Erwachsenen sagt, dass Zuhören das eigene Schreiben erleichtert, geht der Begriff des Lauschens weit über diesen Zusammenhang hinaus. Zunächst einmal geht es darum, seinen Gesprächspartner ernst zu nehmen. Jeder hat etwas Interessantes zu erzählen, wenn man als Zuhörer offen, aufmerksam und bereit zu lernen ist. Die (Lebens-)Geschichten, die man hört, bereichern den eigenen Erfahrungshorizont und regen die Fantasie an.*

Für mich als Auftragstexterin bedeutet es auch ganz pragmatisch und schlicht, dass ich meinen Kunden genau zuhöre, um ihr Anliegen so exakt wie möglich zu erfassen. Nur wenn ich ihren Anspruch bestmöglich verstehe, kann ich den Text liefern, den sie brauchen. An dieser Stelle ist gutes Zuhören also geradezu die Voraussetzung für gutes, das heißt in diesem Fall: kundengerechtes, Schreiben.

Für literarisches Schreiben ist es darüber hinaus von großem Wert, unterschiedlichste Sprachstile kennenzulernen. Kein Mensch hat exakt denselben Duktus wie ein anderer; Herkunft, Familie, Bildung, Beruf prägen ihn. Wenn ich stundenlang mit meiner Freundin aus Teltow telefoniere, sage ich unmittelbar nach dem Auflegen selber „ditte“ und „weeste“. Das ist natürlich lächerlich und ich stelle es schnell wieder ab, aber es zeigt, wie sehr Zuhören das eigene Sprechen und in weiterer Konsequenz dann auch das Schreiben beeinflusst.

Zuhören, lesen, laut lesen und schreiben

Zum Schluss noch ein Gedanke, der über alles bisher Gesagte hinausgeht. Lesen und Lauschen können nicht nur alternierend eingesetzt werden. Oftmals gilt: Lesen IST Lauschen. Auch wer still und nur für sich allein liest, kann die Worte zugleich im Ohr haben. Lyrische Werke, einzelne Verse, aber auch besonders gelungene Prosatexte, vor allem Dialoge, klingen in uns. Manchmal animieren sie uns, sie selbst laut zu lesen, oder wir wünschen uns, sie von ihren Schöpfern oder von guten Sprechern und Schauspielern vorgelesen zu bekommen. Warum sonst wären literarische Lesungen so beliebt?

Lesen, zuhören und schreiben können also gar nicht voneinander getrennt werden. Wer häufig liest, verbessert sein Schreiben nahezu automatisch, darauf wurde an anderer Stelle bereits hingewiesen. Wer häufig zuhört, für den gilt dasselbe. Wer liest und zugleich im Inneren aufmerksam auf den Klang des Gelesenen achtet, wird noch mehr profitieren. Lesen Sie also immer wieder auch laut, es ist eine andere Art des Zuhörens, Zuhören BEIM Lesen sozusagen, und es wird Ihnen das Schreiben langfristig ebenfalls leichter machen. Vielleicht entschädigt es Sie außerdem ein wenig für die vielen Anlässe, bei denen Sie in Zukunft ganz bewusst darauf verzichten, selbst das Wort zu ergreifen.

*Möglicherweise fließen sie auch in eigene literarische Arbeiten ein, aber das ist ein heikles Thema, das einen eigenen Beitrag verdient.

Bildquelle Vorschaubild: Andrew Martin|pixabay, Slider: Frank Zitte|pixabay