Buchtipp | Uwe Timm, Die Entdeckung der Currywurst

#Leseerfahrungen

Die Entdeckung der Currywurst

Der heutige Buchtipp stammt gewissermaßen „aus zweiter Hand“, resultiert er doch aus der Kritik an einem anderen Werk desselben Autors, Uwe Timm, dessen Roman „Vogelweide“ (2013) ich vor Kurzem gelesen habe und ursprünglich ausführlicher vorstellen wollte.

Als Nordseefan, gebürtige Cuxhavenerin und zeitweilige Wahl-Berlinerin mochte ich das Setting auf einer Insel in der Elbmündung und in der Hauptstadt. Ich gebe zu, dass ich eine kindliche Freude fühle, wenn in literarischen Werken von Orten gesprochen wird, die ich kenne, und das naive „Da war ich schon mal“ erhöht meinen Lesegenuss. („Da war ich noch nie“ kann aber dasselbe leisten, das sei zu meiner Rechtfertigung gesagt.) Der Roman beginnt mit den Sätzen: „Die Insel verlagerte sich langsam nach Osten. Drei bis vier Meter im Jahr, je nach Stärke der Winterstürme und Sturmfluten. Hier, wo er jetzt stand, war vor vierzig Jahren Wasser nur und Watt.“ Gelesen, gekauft.

(Zu) große Erwartungen ...

Ich stellte mir vor, dass ich bestimmt begeistert von dem Roman sein und ihn angesichts Uwe Timms beeindruckender Sprachkunst gern als Buchtipp vorstellen würde. Die „Geschichte von zwei Paaren“ wird laut Klappentext in diesem Buch erzählt, das als „präzises, vielschichtiges, komisches und kluges Buch über die geheimnisvollen Spielregeln des Lebens“ bezeichnet wird. Um es kurz zu machen: Aus meiner Sicht ist der Roman weder vielschichtig noch präzise und eines ganz und gar nicht, nämlich komisch. Bierernst nimmt er sich, genau wie seine Figuren, allesamt saturierte Wohlstandsbürger mit Hang zu gehobener Küche und Freizeitbeschäftigungen wie dem Sammeln teurer Kunst oder alter Automobile. Man fühlt sich an das Altherren-Geplauder von Martin Walser erinnert, dessen Eheromane ich immer schon sterbenslangweilig fand.

Der Einbruch des Begehrens in einen wohlorganisierten und an anderen Überraschungen armen Alltag – yep, kommt vor und ist nicht immer lustig. Falls man kein Single (mehr) und eigentlich glücklich ist. In „Vogelweide“ ist dieser Einbruch allerdings eher etwas für den, der alles hat. Das wird zwar thematisiert, aber nicht infrage gestellt. Gelegentlich fragt man sich, ob in Sätzen wie „Der Rotwein, ein Côtes du Rhône, wurde eingeschenkt, und es wurde auf das Wohl aller getrunken“ vielleicht doch eine Kritik an den bürgerlichen Ritualen anklingt, aber angesichts der Farblosigkeit der Charaktere, ihrer klischeehaften Darstellung (die Pumphosen tragende Silberschmiedin und ihr mütterliches Wesen, der Lifestyle-Schamane Harald mit den Stiefeln aus Schlangenleder) und der enervierenden Häufung solcher Sätze über Weine, Kochkunst und Innenarchitektur lautet die Antwort nein. Gelegenheiten für Komik gäbe es hier en masse, und man versteht nicht, warum ein großartiger Autor wie Uwe Timm sie ungenutzt lässt. Allein die Naturschilderungen sind es, die den Roman „Vogelweide“ zumindest in Teilen doch noch lesenswert machen. 

... und eine empfehlenswerte Alternative

Stattdessen möchte an dieser Stelle ein Hoch auf ein früheres Werk von Uwe Timm ausbringen, seine Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ aus dem Jahr 1993. Auch hier geht es um das Begehren, das Begehren der vierzigjährigen Kantinenchefin Lena und des jungen Deserteurs der Kriegsmarine Hermann, den Lena zum Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrer Hamburger Wohnung versteckt. Weil die erotische Anziehung wechselseitig ist, begreift Lena erst spät, dass sie Hermanns Situation ausnutzt und ihn um Lebenszeit betrügt.

Die Geschichte der beiden ist eingebettet in die Geschichte Hamburgs vor und während der britischen Besatzung. Anhand der Figur des Deserteurs Hermann erfährt man vieles über Hitlers furchtbaren „Volkssturm“. Nebenfiguren wie der schlitzohrige Koch Holzinger, der einigen Nazis zu einem Verdauungserlebnis der besonderen Art verhilft, oder der Blockwart Lammers, Prototyp des ewigen Denunzianten, sowie eine gekonnt gestaltete Rahmenhandlung machen die Erzählung vielschichtig, klug und trotz des ernsten Hintergrunds in Teilen sehr witzig, eben all das, was „Vogelweide“ nur verspricht.

Timms grandiose Novelle bietet mehr als Bettgeflüster, ohnehin oft grenzwertig in literarischen Darstellungen, falls es sich nicht explizit um Genreliteratur handelt. Hier nicht kitschig, peinlich oder unfreiwillig komisch zu werden, gehört zu den schwierigsten schriftstellerischen Herausforderungen. Ein Tipp: Wenn Sie noch nicht sehr schreibversiert sind, lassen Sie das am besten ganz. Oder Sie beschränken sich auf Andeutungen, Halbsätze und bedeutungsschwere Auslassungen.

In „Die Entdeckung der Currywurst“ gelingt es dem Autor jedenfalls ganz wunderbar, die erotische Erzählung von zwei Menschen, die nicht in den Geschichtsbüchern vorkommen, mit der Schilderung historischer Ereignisse zu verbinden und so en passant viel Interessantes über Hamburg mitzuteilen. Was das alles nun mit der Currywurst zu tun hat, die angeblich nicht in Berlin, sondern in einer hanseatischen Imbissbude erfunden wurde, soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden. Das entdecken Sie am besten selbst!

 

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