Buchtipp | Ralf Rothmann, Die Nacht unterm Schnee

#Ernsthaft

Buchtipp: Ralf Rothmann, Die Nacht unterm Schnee

Schon oft habe ich an dieser Stelle geäußert, es sei sinnvoller, einen Gartenratgeber, einen Krimi von der Bestsellerliste oder einen unterhaltsamen Liebesschmöker zu lesen, als überhaupt kein Buch in die Hand zu nehmen. Nun möchte ich nicht auf einmal das Gegenteil behaupten, aber ich gebe zu, dass mir angesichts all der Geschichtenbäcker, Fischbrötchen und Schokoküsse, mit denen mal eben das schnelle Geld gemacht werden soll, gelegentlich Zweifel kommen.

Bestseller von leicht bis seicht

Bei Titeln wie Carsten Henns "Der Buchspazierer" schimmert deutlich das Handwerkszeug durch, die Kurse im kreativen Schreiben und das gefällige savoir faire. Ganz abgesehen davon, dass das altkluge Kind, das alle Beziehungs- und sonstigen Erwachsenenprobleme durchschaut und löst, gewaltig nervt - am Ende solcher und ähnlicher Lektüren fragt man sich hin und wieder, wozu das Ganze jetzt eigentlich gut war und ob man seine Zeit nicht sinnvoller hätte verbringen können. Es liegt wohl an der wahren Inflation solcher eskapistischen Titel, dass ich in letzter Zeit ein großes Bedürfnis habe, wieder einmal ernste Werke von ernsthaften Autoren zu lesen, die mit ihren Themen ringen. Die etwas anderes wollen als nur eine spannende Geschichte erzählen, die sich gut verkauft. Geborene Schriftsteller, die es sich nicht leicht machen, die nicht nach Auflagenhöhen schielen oder gar schon beim Schreiben an die Verfilmbarkeit ihres Stoffes denken.

Rothmanns Weltkriegs-Trilogie

Ralf Rothmann ist so ein Schriftsteller. Seine Bücher schaffen es dennoch immer wieder auf die Bestsellerlisten, ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Lesepublikum gescheiter ist, als die Marketingverantwortlichen mancher Verlage zu glauben scheinen. Geboren 1953 in Schleswig, wuchs der vielfach preisgekrönte Autor von seinem fünften Lebensjahr an im Ruhrgebiet auf. Das Arbeitermilieu seiner Kindheit, die Erfahrungen der Nachkriegszeit und die Traumata des Zweiten Weltkriegs, die bis in die Gegenwart hinein Familienstrukturen und Beziehungen zwischen Großeltern, Eltern und Kindern geprägt haben, sind wichtige Themen seines Werkes. Sein jüngster Roman "Die Nacht unterm Schnee" ist der letzte Teil einer Romantrilogie, die 2015 mit "Im Frühling sterben" eröffnet und 2018 mit "Der Gott jenes Sommers" fortgeführt wurde und sich genau jenen Themen widmet.

Dass Rothmanns Bücher viele von uns so stark ansprechen, hängt vielleicht mit der Fülle und Intensität seiner eigenen Lebenserfahrungen zusammen. Er arbeitete als Maurer, Koch und Krankenpfleger, gehörte in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren zur Künstler- und Hausbesetzerszene Westberlins, reiste um die halbe Welt und kehrte immer wieder nach Berlin zurück. Dass die Figuren seiner Romane seinem eigenen Lebenskosmos entsprungen sein könnten, ist für ihn Voraussetzung seines Schreibens: "Meine Sprache hat nur dann Schwerkraft, wenn ich aus meinen Erfahrungen spreche." Bei Rothmann wirkt nichts konstruiert oder akademisch, alles spricht uns unmittelbar an. Der klassischen "Arbeiterliteratur" ist er dabei dennoch ebenso fern wie der Postmoderne. 

Gretchenfragen

Vielmehr wurde Rothmann gelegentlich ein christlicher Ansatz unterstellt (2014 erhielt er sogar den Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken), doch dazu bezieht er keine Stellung. Es liegt eben an den Lesern, welche Rückschlüsse und "Lebenslehren" sie aus der Lektüre ziehen können und wollen.

Bis heute erinnere ich mich an ein Gespräch, das ich als Schülerin mit meiner Religionslehrerin Frau Pastorin Schäfer führte (so hieß sie wirklich, das ist keine Erfindung einer ungemein kreativen Schreibwerkstatt). Sinngemäß sagte sie darin, sie verstehe nicht, wie man sich stärker für Literatur als für Theologie interessieren könne, wenn man auf der Suche nach Wahrheit sei. Ich war ein wenig enttäuscht, dass die von mir Verehrte so wenig von meiner großen Leidenschaft hielt, und ich hatte das vage Gefühl, sie habe etwas Wesentliches der Literatur nicht richtig erfasst. Ich konnte es aber damals nicht in Worte fassen. Heute bin ich sicher, dass Literatur, die wir "groß" nennen, immer einen Bezug zu existenziellen Fragen hat.

Natürlich muss sie darum nicht immer Grausamkeiten schildern, vom Krieg handeln oder explizit nach dem Sinn des Leidens fragen. Sie kann auch von Alltagsbegebenheiten erzählen, Gesten der Liebe beschreiben, sich über den Ernst des Lebens lustig machen und vieles mehr. Sie kann sogar ausdrücklich behaupten, allein der Unterhaltung zu dienen, und es dem Publikum überlassen, mehr dahinter zu entdecken. Nur die Zielsetzung, gaaaaanz weit oben auf die Bestsellerliste zu gelangen, sollte nicht Inhalt und Stil bestimmen. Wenn sich Tiefe und Qualität jedoch, wie im Falle Rothmanns, wie nebenbei durchsetzen und zum Verkaufserfolg beitragen, ist dagegen rein gar nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil.

Bildquelle: Vorschaubild und Slider: Klementine Göbel|pixabay